• Das Nierenbuch

    Der Ratgeber für Nierenkranke von Prof. Mann


Harnwegsinfekt / „Blasenentzündung„

Pyelonephritis / „Nierenbeckenentzündung„


Akuter Harnwegsinfekt / „Blasenentzündung“

Was ist eine Blasenentzündung?
Was ist keine Blasenentzündung?
Wie bemerkt man eine Blasenentzündung?
Was findet der Arzt?
Behandlung
Vorbeugung / Häufig wiederkehrende Blasenentzündung

Was ist eine Blasenentzündung?

Eine Entzündung der Blase wird in der Regel durch Bakterien ausgelöst. Diese Bakterien wandern über die Harnröhre in die Blase. Durch diese Bakterien wird die Blasenwand irritiert, schwillt an und zeigt andere Entzündungszeichen wie das Einwandern von weißen Blutkörperchen. Ist die Entzündung ausgeprägt, dann wird die Blasenschleimhaut – also die „innere Tapete“ der Blase – leicht verletzlich und kann bluten. Im Prinzip läuft etwas ähnliches ab wie in der Nasenschleimhaut bei einem Schnupfen.

Durch die Entzündungsreaktion, insbesondere durch die weißen Blutkörperchen, werden die Bakterien eingefangen und abgebaut und damit heilt die Blasenentzündung über ein bis zwei Wochen ab.

Da der Harn in der Blase durch Ventilmechanismen davon abgehalten wird zur Niere zu steigen, führen Blasenentzündungen nur selten zu Nierenbeckenentzündungen. Gelegentlich kommt dies aber vor, z. B. wenn Bakterien den Ventilmechanismus der Harnleiter überwinden oder dieser nicht funktioniert. Dies kommt als angeborene Störung vor (sog. Reflux-Nierenerkrankung) oder bei Abflußstörungen, die durch Vergrößerung der Prostata, durch Harnsteine oder durch Tumore hervorgerufen werden. In der Schwangerschaft kann dieser Verschlußmechanismus auch gestört sein, so dass in diesen 9 Monaten Bakterien aus der Blase sehr wohl bis zur Niere wandern können, mit der Konsequenz von Nierenbeckenentzündungen.

Blasenentzündungen betreffen vorwiegend Frauen, weil die Harnröhre kürzer ist als bei Männern. Bei sexuell inaktiven Personen ist eine Blasenentzündung selten. Bei Personen mit Blasenkathetern sind Blasenentzündungen sehr häufig; liegen diese Katheter über mehrere Wochen, dann sind Blasenentzündungen fast nicht zu vermeiden.

Was ist keine Blasenentzündung?

Es können durchaus Bakterien in der Blase sein, ohne dass eine Entzündung ausgelöst wird. Das Fehlen der Entzündung bemerkt man daran, dass keine Beschwerden bestehen (siehe Abschnitt „Wie merke ich eine Blasenentzündung“) und dass im Harn kaum vermehrt weiße Blutkörperchen (Leukozyten) zu sehen sind. Bakterien im Harn, die harmlos sind, weil sie keine Entzündung auslösen, findet man bei etwa 5% aller Frauen. Bei diesen kommen Blasenentzündungen häufiger vor als bei Frauen, die keine Bakterien im Harn haben. Es hat aber keinen Sinn, mit Antibiotika oder anderen Maßnahmen diese Bakterien auszurotten, denn sie kommen trotzdem wieder. Außerdem fördert man mit solchen ungezielten Gaben von Antibiotika, dass die Bakterien unempfindlich werden gegen diese Medikamente.

Es gibt Ausnahmen zu dem eben Gesagten. Insbesondere bei Schwangeren sollte man ausnahmsweise Bakterien im Harn auch dann behandeln, wenn sie keine Entzündung ausgelöst haben. Die Begründung liegt darin, dass in dieser speziellen Situation häufig Nierenbeckenentzündungen auftreten. Dies ist bei Nicht-Schwangeren ganz anders (s. oben).

Wie merke ich eine Blasenentzündung?

Eine Blasenentzündung merkt man praktisch immer. Die unangenehmen Beschwerden sind krampfartige Schmerzen beim Wasserlassen, häufiges Wasserlassen von kleinen Mengen, Brennen in der Harnröhre sowie Druckschmerzen im Bereich der Blase. Außerdem kann der Urin rot sein. Fieber oder Rückenschmerzen gehören praktisch nie zu Blasenentzündungen, sondern können auf eine Nierenbeckenentzündung hinweisen. Dazu sollten Sie in dem Kapitel über Nierenbeckenentzündungen nachlesen, denn diese Krankheit ist wesentlich gefährlicher als eine Blasenentzündung.

Was findet der Arzt?

Der Arzt sollte den Urin mit einem üblichen Teststreifen untersuchen. Zusätzlich ist die Untersuchung des Urins im Mikroskop (Urinsediment) sehr sinnvoll. Im Mikroskop kann man die vermehrt ausgeschiedenen weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und auch die Bakterien sehen.

Der Arzt kann auch noch kompliziertere Labortests anfordern. Dies ist aber bei einer typischen Blasenentzündung, die zum erstenmal aufgetreten ist oder nach längerer Zeit erst wieder, nicht notwendig. Die Situation ist anders, wenn Blasenentzündungen sehr häufig auftreten, mit einfachen Antibiotika nicht weggehen oder bei Personen auftreten, die eine schwer gestörte Infektabwehr haben, z. B. nach Nierenverpflanzung.

Behandlung

Bei der typischen Blasenentzündung sollte man viel trinken, damit die Bakterien und Entzündungszellen aus der Blase ausgeschwemmt werden. Damit heilt eine Blasenentzündung auch ohne Antibiotika in der Regel aus. Allerdings dauert dieses Ausheilen recht lange und die schmerzhaften Beschwerden bestehen ein bis zwei Wochen. Wesentlich effektiver ist die zusätzliche Behandlung mit Antibiotika, die man in der Regel nur ein bis drei Tage einnehmen muß, jedenfalls bei unkomplizierten Fällen. Meistens sind damit die Blasenschmerzen schon nach einem Tag Antibiotikatherapie verschwunden.

Häufig wiederkehrende Blasenentzündungen

Wenn eine Blasenentzündung nicht innerhalb von drei bis vier Tagen ausgeheilt oder nach ein paar Tagen schon wieder auftritt, dann sollte eine Harnkultur gemacht werden. Eine Harnkultur bedeutet, dass der Harn in ein Labor eingeschickt wird. Dort wird getestet, welche Bakterien im Harn sind und auf welche Antibiotika sie am besten reagieren. Nach einer solchen Testung kann dann das richtige Antibiotikum eingesetzt werden.

Die übliche Harnkultur dauert 1 bis 3 Tage. Manche Keime brauchen aber langwierigere und aufwendigere Testungen um gefunden zu werden. Manche Keime bedürfen nicht nur spezieller Antibiotika, sondern auch einer besonders langen Behandlung, bis sie endlich bekämpft sind. Schließlich ist zu bedenken, dass manche Keime, die Blaseninfekte erzeugen, durch einen infizierten Sexualpartner übertragen werden. Bei diesen Keimen muß auch der Partner mitbehandelt werden.

Treten Blaseninfekte mehr als vier- bis fünfmal im Jahr auf, dann sollte man nicht einfach nur mit Antibiotika behandeln. Vielmehr wird empfohlen zu untersuchen, ob Krankheiten vorliegen, die Harnwegsinfekte fördern. Zu solchen Erkrankungen zählen eine Erhöhung des Blutzuckers (Diabetes), Störungen des Immunsystems und die Behandlung mit Cortison. Außerdem gibt es Abflußstörungen der Harnwege, die regelmäßig zu Blasenentzündungen führen.

Bei häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen wendet man sich am besten an einen internistischen Nierenspezialisten (sog. Nephrologe) oder an einen Urologen. Zur diagnostischen Abklärung genügt oft eine sorgfältige klinische Untersuchung, eine Reihe von Laboruntersuchungen, eine Urinuntersuchung und ein Ultraschall von Nieren und Blase. In seltenen Fällen ist eine Blasenspiegelung notwendig und noch seltener Rö.-Aufnahme von Nieren und Blase mit Kontrastmittel. Letzteres kann insbesondere dann notwendig werden, wenn im Ultraschall Auffälligkeiten sind oder wenn eine sog. Refluxkrankheit vermutet wird. Bei letzterer Erkrankung funktioniert das Ventil zwischen Blase und Harnleiter nicht. Es kann dann Urin aus der Blase Richtung Niere zurückfließen, was normalerweise nicht möglich ist.

Treten gehäufte Blaseninfekte bei Frauen auf, die schon in der Kindheit Probleme mit Nieren oder Blase hatten (z. B. Nierenbeckenentzündung in der Kindheit), dann bedarf es einer sorgfältigen Abklärung beim Urologen, oft auch mit Rö.-Aufnahmen der Nieren. Bei vielen Frauen mit gehäuften Harnwegsinfekten, die vorher nichts an der Niere hatten, findet man auch bei sorgfältiger Untersuchung keine besondere Ursache für die Häufung von Blasenentzündungen. Es gibt in diesen Fällen keine ideale Behandlung, man kann aber eine Reihe von Ratschlägen geben.

Man sollte auf jeden Fall auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mehr als 2 Liter/Tag) achten. Auch abends sollte man soviel trinken, dass man in der Nacht mindestens einmal zur Blasenentleerung auf die Toilette muß.

Kommen die Blaseninfekte häufiger als einmal im Monat vor, dann kann es sinnvoll sein, während mehrere Monate abends ein Antibiotikum einzunehmen. Damit verhindert man das Anwachsen von Keimen in der Blase. Kommen die Blaseninfekte weniger als einmal im Monat vor, dann kann man den betroffenen Personen Antibiotika mit nach Hause geben. Diese sollen dann sofort eingenommen werden, wenn sie erste Zeichen eines Blaseninfektes spüren. Es genügt dann, die Einnahme eines Antibiotikums über 24 Stunden.

Pyelonephritis / „Nierenbeckenentzündung“

Die „Übersetzung“ des Begriffs Pyelonephritis als Entzündung des Nierenbeckens ist irreführend. In der Tat ist bei einer Pyelonephritis die Niere selbst – und nicht nur das Nierenbecken – entzündet.

Wie kommt das zustande? Bakterien gelangen über die Blase, wo sie meist auch eine Entzündung auslösen, über den Harnleiter ins Nierenbecken und dringen über die feinen Harnkanälchen (Tubuli) in das Nierenmark vor. Zur Abwehr wandern weiße Blutkörperchen in die Niere ein, d.h. es entwickelt sich eine eitrige Nierenentzündung.

blasene
Gesundes Nierengewebe
blasenentzündung
Veränderung bei Pyelonephritis

Diese Abbildungen zeigen feingewebliche Bilder einer Pyelonephritis und einer gesunden Niere im Vergleich. Bei der Pyelonephritis sind viele Entzündungszellen in die Nieren eingewandert.

Gesundes Nierengewebe Veränderung bei Pyelonephritis

Geht die Entzündung ungebremst weiter, dann kann die gesamte Niere vereitern und muss operativ entfernt werden. Wäre die Entzündung tatsächlich nur im Nierenbecken wie der Begriff „Nierenbeckenentzündung“ vermuten lässt, dann könnte ja der Eiter über den Harn abfließen und würde keinen bleibenden Schaden anrichten.

Nicht selten tritt eine Nierenbeckenentzündung auf, weil der Harnabfluss aus der Niere behindert ist. Dies ist z.B. bei Nierensteinen der Fall oder bei zu großer Prostata und bei Trägern von Dauerkathetern in der Blase. Auch Patienten mit Diabetes sind anfällig für Nierenbeckenentzündung, weil ihr Abwehrsystem generell schwach ist.

Merke: Die Nierenbeckenentzündung ist eine der wenigen Nierenerkrankungen, die vorwiegend einseitig auftritt.

Welche Beschwerden weisen auf eine Nierenbeckenentzündung hin? Falls Sie schon einmal diese Erkrankung hatten, dann können Sie diese Frage gut beantworten:

  • Fieber
  • Rückenschmerzen
  • Allgemeines Krankheitsgefühl
  • Schmerzhaftes und häufiges Wasserlassen
  • Trüber und/oder roter Urin

D.h. eine Nierenbeckenentzündung unterscheidet sich von einer einfachen Blasenentzündung vor allem durch das Fieber, die Rückenschmerzen und das allgemeine Krankheitsgefühl. Ohne Zweifel ist die Nierenbeckenentzündung – im Gegensatz zur Blasenentzündung – eine sehr ernste Krankheit.

Merke: Sollten Sie diese Beschwerden, z.B. Brennen beim Wasserlassen mit Fieber, verspüren, dann suchen Sie sofort Ihren Hausarzt auf. Eine eitrige Entzündung der Niere kann ohne schnelle Diagnostik und Therapie gefährlich werden.

Behandlung:

Man behandelt eine Nierenbeckenentzündung mit Antibiotika, die manchmal intravenös gegeben werden müssen. Außerdem wird Ihr Arzt mit Ultraschall oder Röntgen (Ausscheidungs-Urogramm) nach Harnabflußstörungen, Harnsteinen u.ä. suchen. Ist tatsächlich der Harnabfluss behindert, d.h. besteht ein Harnstau, dann muss rasch ein Urologe zum Beseitigen des Staus zu Rate gezogen werden.

Prognose:

Die Prognose, d.h. die Zukunftsaussichten nach einer unkomplizierten Nierenbeckenentzündung, die nicht zu spät entdeckt wurde, sind sehr gut. In der Regel bleibt kein Nierenschaden. Wird die Krankheit aber zu spät entdeckt, dann kann die Niere so weit vereitern, dass die sie operativ entfernt werden muss oder dass Narben an der Niere zurückbleiben.

Eine Nierenbeckenentzündung entsteht oft aus heiterem Himmel, vor allem bei jüngeren Frauen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Risikofaktoren für die Erkrankung: Schwangerschaft, hohes Alter, Harnstau, Dauerkatheter und Abwehrschwäche. Zu letzterer Gruppe zählen auch Diabetiker oder AIDS-Kranke.

Vorsorge:

Lässt sich eine Vorsorge vor einer Nierenbeckenentzündung treffen? Für den Nierengesunden gibt es keine Verhaltensmaßnahmen, die einer Nierenbeckenentzündung vorbeugen. Bei Patienten mit einem der o.a. Risikofaktoren, insbesondere bei Schwangeren und bei Harnstau, wird man Blasenentzündungen noch gründlicher als normalerweise behandeln. Damit kann man einem Aufsteigen der Entzündung, d.h. eben einer Nierenbeckenentzündung, vorbeugen. Treten Nierenbeckenentzündungen beim gleichen Patienten immer wieder auf, obwohl der Harnabfluss in Ordnung ist oder nicht verbessert werden kann, dann ist oft eine Infektionsprophylaxe mit einem Antibiotikum sinnvoll.

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